Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
es ist nicht einfach, sich hinzusetzen und eine Ansprache für einen Tag wie heute zu schreiben. Die Traumvorstellung wäre, wenn es den Volkstrauertag nicht geben würde, da Dinge wie Krieg und Gewalt nicht einmal in der Fantasie der Menschen einen Platz hätten. Leider ist dem nicht so.
Ich hätte auch den gleichen Text wie letztes Jahr verwenden können, denn viel verändert hat sich leider nicht. Ebenso wäre die Hilfe von ChatGPT eine Möglichkeit gewesen, was aber meiner Meinung nach einem Tag wie diesem in keiner Art und Weise gerecht werden würde.
Nein, ich habe mich dann an etwas erinnert, was mir in den letzten Monaten immer wieder durch den Kopf schwirrt und was wir uns wahrscheinlich alle viel zu selten bewusst machen: wie gut es den meisten von uns in diesem Land eigentlich geht.
Die allermeisten leben in einem beheizten Haus, mit fließendem Wasser und Strom. Wir haben Kleidung, immer genug zu Essen und gehen einer Arbeit nach oder werden aufgefangen, falls es mal nicht so gut läuft. Wenn es uns schlecht geht, können wir zum Arzt, in unserer Freizeit können wir jeder denkbaren Aktivität nachgehen, die wir gerade möchten. Und am allerwichtigsten: Wir leben in Frieden und müssen keine Angst haben, dass unser Haus am nächsten Tag nicht mehr steht oder unsere Familie ausgelöscht wird.
Und trotzdem scheint es manchmal so, dass wir all das vergessen und nur das Negative sehen. Dass uns das Bewusstsein fehlt, die vielen positiven Dinge nach oben zu stellen und wertzuschätzen, dass wir in einem Land wie Deutschland leben können. Damit will ich selbstverständlich nicht die Probleme herunterspielen, die es gibt, und sagen: „Alles ist gut“.
Aber worauf will ich jetzt eigentlich hinaus? Manche können es sich vielleicht denken.
Es gibt Milliarden Menschen auf dieser Welt, die viele dieser unglaublichen Privilegien nicht haben und vermutlich auch nie haben werden. Auch hier in Deutschland gab es dunkle Zeiten, in denen viele dieser Dinge nicht existent waren.
Dieser Gedanke erdet mich.
Beim Durchlesen meiner Ansprache aus dem letzten Jahr musste ich tief schlucken. Was hat sich seitdem verändert? Leider sehr wenig. Die Kriege in der Ukraine, in Gaza und Israel, im Sudan und leider noch andere sind weiterhin präsent, Waffenruhen oder Friedensvereinbarungen gehören oft innerhalb weniger Stunden wieder der Vergangenheit an. Es sterben weiterhin Menschen, Frauen und Männer, Kinder und Alte. Das Leid ist unerträglich.
Hier in Deutschland haben wir all das schon erlebt. Wir, die jetzt leben, sind nicht daran schuld, nein. Aber wir haben die Verantwortung, dass es niemals wieder passiert. Niemals wieder.
„So hat es damals auch angefangen“. „Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches und kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Drum sei Mensch!“ „Seid Menschen!“
Alles Zitate von Margot Friedländer, die am 09. Mai dieses Jahres leider verstorben ist. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich der Tod einer Person der Öffentlichkeit so berührt hat wie dieser.
Und verdammt, was passiert überall und auch hier in Deutschland? Genau das Gegenteil: Menschen werden ausgegrenzt, wegen ihrer Herkunft, Sexualität, Religion, politischen Ausrichtung oder anderer Dinge, die mir im Leben nicht einfallen würden.
Ich frage mich, wo das noch hinführen wird. Ein nicht unerheblicher Teil der Menschen unterstützt inzwischen Strömungen, die genau diese Ausgrenzungen normalisieren und einen gefährlichen Keil in die Gesellschaft treiben. Ja, es gibt auch hier Probleme und es ist in den letzten Jahren vieles nicht so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Trotzdem ist es niemals eine Begründung dafür, diese Richtung einzuschlagen und eine Partei zu wählen, die zutiefst menschenverachtend ist und gegen jegliche Vernunft spricht.
Der Volkstrauertag ist kein Tag der Schuld, sondern ein Tag der Verantwortung. Verantwortung für den Frieden in der Welt, in unserem Land und in unseren Herzen. Jeder von uns kann und muss einen Beitrag leisten: durch respektvollen Umgang miteinander, durch den Mut, sich gegen Unrecht zu stellen, und durch die Bereitschaft, Brücken zu bauen, wo andere Gräben ziehen.
Wenn wir der Toten gedenken, erinnern wir uns auch daran, dass sie nicht nur Opfer waren, sondern oft auch Menschen mit Hoffnungen und Träumen. Träume von einem Leben in Frieden, von einer besseren Zukunft für ihre Kinder. Es liegt an uns, diese Träume zu erfüllen. Es liegt an uns, zu verhindern, dass solche Schicksale sich wiederholen.
Lassen Sie uns heute nicht nur gedenken, sondern auch nach vorne blicken. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass die Welt, die wir den nächsten Generationen übergeben, eine bessere ist – eine Welt des Friedens, der Toleranz und der Menschlichkeit. Denn nur so können wir die Toten wirklich ehren.
Herzlichen Dank an den Bornicher Posaunenchor und den Kirchenvorstand für das heutige Mitwirken.
Zum Gedenken an die Opfer der Weltkriege, aller Kriege und Gewaltherrschaft, von Hass und Terror lege ich jetzt stellvertretend für alle einen Kranz nieder.
In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, jetzt für einen Moment der Stille innezuhalten, um der Opfer von Krieg, Gewalt und Hass zu gedenken.
Elias Metz, Ortsbürgermeister
